
Die ereignisreichen Exkursionen in die beiden großen Rheinmetropolen brachte bei den ProjektschülerInnen von „KKG – Gegen das Vergessen“ einerseits Betroffenheit, Nachdenklichkeit über, aber andererseits auch eine Stärkung ihres Engagements gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sowie für Toleranz und Vielfalt hervor.
Während in der Landeshauptstadt beim Treffen der „couragierten Schulen ohne Rassismus“ am Vormittag „Klassismus & Armut“, also die Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft, im Vordergrund stand, bekamen die KKG-SchülerInnen es in der Domstadt mit den abscheulichen Verbrechen der rechtsextremistischen NSU-Terrorzelle sowie der denkwürdigen Aufarbeitung derer zu tun.
Mit dem Anwohner Kutlu Yurtseven konnte erfreulicherweise ein Zeuge der ersten Stunde gewonnen werden. Der liebenswerte und wortgewandte Sozialarbeiter, zugleich auch Rapper, machte die interessierten Gäste aus Grevenbroich wiederholt sprachlos und wütend zugleich. Denn Kutlu erzählte detailliert vom Nagelbombenattentat, dem rassistischen Anschlag auf friedliebende Menschen mit Migrationshintergrund aus dem Jahre 2004. Das Attentat gehörte zu einer Serie von Taten einer rechtsradikalen Mörderbande, die einfach nur ein Ziel hatte: möglichst viele AusländerInnen oder Menschen mit Migrationshintergrund feige zu ermorden. Dass es in Köln keine Toten gab, sei reines Glück gewesen. Beispielweise fing ein zufällig an der Attentatsstelle geparkter Lieferwagen den Großteil der Nägel ab, die zig Menschen in den Tod reißen sollten. Kutlu kennt sämtliche Anekdoten rund um das Verbrechen gegen sein Viertel und er berichtet seither seine vielseitigen Geschichten aus erster Hand im Fernsehen, auf Social Media oder im Rahmen seiner unzähligen Führungen für Schulklassen oder andere Gruppen.
Den bewegten ProjektschülerInnen, vielfach selbst mit Migrationshintergrund, erzählte er am Tatort, dass er noch am Vortag des Attentates mit dem Frisörsalon, vor dem die Bombe hochging, telefoniert hatte. Mittlerweile ist am Ort des Attentates ein Juwelier ansässig.

Der freundliche Familienvater gehört zur Initiative „Keupstraße ist überall“. Seit nunmehr 22 Jahren wird über die diversen Ermittlungspannen und die Demütigung der Opferfamilien mahnend erzählt. Das sorgte auch bei den KKG- SchülerInnen für Sprachlosigkeit und Kopfschültteln.
Gerade auch aufgrund der denkwürdigen Aufarbeitung dieses entsetzlichen Verbrechens setzen sich diverse Aktionsgruppen um die Keupstraße seit Jahren für ein Mahnmal ein, das den Anschlagsopfern und allen Anwohnern ein wenig mehr Gerechtigkeit zukommen ließe. Entsprechend heißt es an der Wand gegenüber des Vereinsheims von Kutlus Interessengemeinschaft: „Wo bleibt das Mahnmal?“ Diese Frage stellen sich viele der ProjektschülerInnen ebenfalls.

Nach der Führung durchs Viertel wurden die Gäste aus Grevenbroichs Südstadt noch in den „Raum für alle“ eingeladen. Hier fand ein reger Austausch über die Hintergründe des Attentates sowie über Geschichten von Bewohnern der Keupstraße statt. Abschließend wurde übereinstimmend die Hausregel des interessanten Ortes bekräftigt: Im „Raum für alle“ ist kein Platz für Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und weitere Gedanken und Verhaltensweisen, die eine solidarische Gesellschaft verhindern.
Die Exkursion zur Keupstraße inklusive des Aufenthaltes im „Raum für alle“ mit dem Anspruch für ein friedliches Zusammenleben in unserer Gesellschaft beschäftigte die ProjektschülerInnen nachhaltig: Im Rahmen des Schulfestes präsentierten sie nämlich ihre Ergebnisse rund um die „Keupstraße“ den interessierten BesucherInnen.

Zurück nach Düsseldorf. Nachdem der Buchautor Olivier David anhand seiner Biografie eindrucksvoll den Zusammenhang zwischen Armut und Bildungsbenachteiligung herausgearbeitet hatte, folgten wie auf jedem Regionaltreffen der Netzwerkschulen des Regierungsbezirks Düsseldorf die beliebten Workshops.

Ausgewählt werden konnte beispielsweise aus den Themenbereichen „Stammtischparolen“, Antisemitismus in der Schule, Basiswissen zur Geschlechtervielfalt oder „Fakes News“.

Bei sämtlichen Vertretern von „KKG – Gegen das Vergessen“ stand das Thema Diversität hoch im Kurs. Dementsprechend wurden die Workshops „Trans*, Inter*, Nicht Binäre (TIN*) junge Menschen in Schule“ (FUMA – Fachstelle Gender & Diversität) sowie „Bildung und Antidiskriminierung zu sexueller, romantischer und geschlechtlicher Vielfalt“ (SCHLAU Düsseldorf) belegt.
Am Ende stand ein äußerst abwechslungsreicher, interessanter und Horizont erweiternder Projekttag im DGB-Haus Düsseldorf zu Buche.
Entsprechend zufrieden hält Lena fest: „Ich fand die Veranstaltung sehr interessant. Ich habe viele Sachen gelernt. Der Vortrag über Armut und Klassismus hat mich erheblich zum Nachdenken gebracht. Zudem haben mir besonders die Einblicke in das Thema LGBTQIA+ gefallen.“ „Mir war besonders der Austausch mit anderen NetzwerkschülerInnen wichtig“, ergänzt Jana. „Ich freue mich besonders, dass ich Unsicherheiten im Umgang mit queeren Themen abbauen konnte“, bilanziert Projektleiter Thomas Jentjens. „Ich finde, solche Veranstaltungen sollten häufiger stattfinden, sodass wir uns noch mehr interessante Workshops anschauen können“, schlussfolgert Alicia.
Vielen Dank an die ProjektschülerInnen für ihren immerwährenden Einsatz gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sowie für Toleranz und Vielfalt.
Besonders herzlichen Dank an Kutlu Yurtseven und Heidi Schmitz (Erinnerungsort Alter Schlachthof Düsseldorf), die den Kontakt zu Kutlu freundlicherweise hergestellt hat.
(JEN)
